Das Alevitentum ist eine humanistische, spirituelle und kulturelle Glaubensrichtung, die tief mit Allah, dem Propheten Muhammed und Hz. Ali verbunden ist. Seine Wurzeln reichen bis in das 7. Jahrhundert zurück. Aleviten sehen sich in der Tradition von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten, und der Ehl-i Beyt, der Familie des Propheten. Im Mittelpunkt des Glaubens steht der Gedanke, dass Gott im Inneren jedes Menschen zu finden ist. Die Beziehung zu Gott entsteht durch Liebe, Wissen, Aufrichtigkeit und gutes Handeln, nicht durch starre Rituale oder äußere Formen.
„Yol bir, sürek binbir“ bedeutet: Der Weg ist eins, seine Ausprägungen sind tausendfach.
Dieser Spruch beschreibt die Offenheit und Vielfalt des Alevitentums. Eine gemeinsame spirituelle Grundlage kann individuell und kulturell verschieden gelebt werden.
Was glauben Aleviten?
Das Ziel jedes Aleviten ist es, İnsan-i Kâmil zu werden, also ein vollkommener, gerechter und weiser Mensch. Auf diesem Weg dient Hz. Ali als Vorbild für Mut, Gerechtigkeit und Weisheit. Die spirituelle Entwicklung erfolgt über die Beziehung zwischen Pir und Talip. Ein Pir, also ein geistlicher Lehrer, begleitet den Talip, den Schüler, auf seinem Weg der Selbsterkenntnis und hilft ihm, ethisch und spirituell zu wachsen. Zentrale Quellen der alevitischen Lehre sind die Buyruk-Bücher, Überlieferungen der Dede-Tradition sowie die Lehren von Hacı Bektaş Veli, einem bedeutenden Denker und Mystiker des 13. Jahrhunderts. Er betonte Menschlichkeit, Bildung und Gleichheit mit Worten, die bis heute Bedeutung haben:
„Sevgi varken nefret niye?“ (Hacı Bektaş Veli) – Warum Hass, wenn es Liebe gibt?
Werte und Lebenshaltung
Das Alevitentum legt großen Wert auf Liebe, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Frieden.
Aleviten glauben, dass jeder Mensch, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Religion, gleichwertig ist. Frauen und Männer nehmen gleichberechtigt am religiösen Leben teil.
Zu den wichtigsten Werten gehören:
Liebe statt Hass
Frieden statt Krieg
Toleranz statt Fanatismus
Gerechtigkeit statt Ungerechtigkeit
Wissen und Bildung als Weg zur Erkenntnis
Respekt und Verantwortung innerhalb der Gemeinschaft
Rituale und Feste
Das wichtigste religiöse Ritual im Alevitentum ist der Cem, eine spirituelle Versammlung mit Musik (Bağlama), Gesang und gemeinsamer Reflexion. Im Cem werden Themen wie Wahrheit, Reue, Gemeinschaft und Liebe behandelt. Der Dede leitet die Zeremonie, begleitet von zwölf symbolischen Diensten, die an die Zwölf Imame erinnern.
Wichtige Gedenk- und Fastenzeiten, welche wir jedes Jahr zelebrieren:
- Hızır-Fasten (im Februar): Erinnerung an Hızır, den Helfer der Bedürftigen und Symbol für Hoffnung.
- Muharrem-Fasten (im Monat Muharrem): Trauerzeit für Imam Hüseyin und die Märtyrer von Kerbela, Symbol für Standhaftigkeit gegen Ungerechtigkeit.
- Nevruz (21. März): Feier des Frühlings und des Geburtstags von Imam Ali, verbunden mit Erneuerung und Neubeginn.
Zusammengefasst
Das Alevitentum ist ein Weg der inneren Spiritualität, des gemeinschaftlichen Lebens und des stetigen Lernens.
Es lehrt, dass der Mensch durch Liebe, Wissen und gutes Handeln Gott näherkommt und dass jeder Mensch die Verantwortung trägt, Frieden und Gerechtigkeit in sich und seiner Umgebung zu verwirklichen.
Eines der wichtigsten und zentralen Elemente in unserer Religion ist der Cem. Wie dieser abläuft und welche Bedeutung er für uns hat, erklären wir euch im nachfolgenden Abschnitt.
Allgemein: Der Cem
Der Cem ist der wichtigste Gottesdienst der Aleviten. Er ist nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch ein Raum, in dem die Gemeinschaft zusammenkommt, um miteinander Frieden zu schaffen, Verantwortung zu übernehmen und spirituelle Werte zu leben. Im Cem stehen Liebe, Gleichheit, Respekt und Gerechtigkeit im Mittelpunkt.
Ursprung in der Geschichte der Vierzig
Die Bedeutung des Cems wird oft mit der Erzählung über die Vierzig erklärt. Der Prophet Muhammad begegnet einer Gemeinschaft von vierzig heiligen Menschen. In dieser Versammlung sind alle gleich viel wert. Niemand steht über dem anderen. Die Menschen teilen sogar eine einzige Weintraube gerecht unter sich. Diese Erzählung zeigt zentrale Werte des Alevitentums wie Bescheidenheit, Zusammenhalt, Teilen, Einheit und gegenseitige Achtung. Sie gilt als Vorbild für die heutigen Cem-Zeremonien..
Der besondere Charakter des Cems
Ein Cem ist ein spiritueller und sozialer Treffpunkt. Menschen kommen zusammen, um Frieden zu schließen, Streit zu klären, zu beten und sich moralisch zu prüfen. Ein Cem beginnt erst, wenn alle im Einvernehmen sind. Dieser Zustand heißt Rızalık. Wer im Streit ist, muss sich zuerst versöhnen. Der Dede oder die Ana, der geistliche Leiter oder die geistliche Leiterin, fragt vor Beginn, ob alle einverstanden sind und niemand Groll oder Ärger in sich trägt. Erst wenn die Gemeinschaft in Harmonie ist, beginnt der Cem.
Gleichheit im Cem
Im Cem gibt es keine Rangordnung. Alle treten ein als Can, also als Mensch von gleichem spirituellen Wert. Geschlecht, Alter, Beruf oder gesellschaftliche Stellung haben keine Bedeutung. Männer und Frauen sitzen gemeinsam, weil sie als gleichberechtigte Menschen gelten. Diese Gleichheit gilt als Grundprinzip der alevitischen Lehre.
Ablauf und Bestandteile eines Cems
Der Cem wird von einer spirituellen Leiterin oder einem spirituellen Leiter geführt. Um sie oder ihn herum wirken die zwölf Dienste, die für Musik, Ordnung, Licht, Wasser, Reinigung und den Ablauf verantwortlich sind. Eine wichtige Rolle haben die Zakir, die mit Saz und Gesang Gebete und spirituelle Lieder spielen. Auch der Semah gehört dazu. Dabei handelt es sich um einen heiligen rituellen Bewegungsablauf, der innere Einkehr, Liebe und Einheit ausdrückt.
Ein zentraler Bestandteil ist das Lokma. Es besteht aus Speisen, die die Teilnehmenden mitbringen und miteinander teilen. Lokma symbolisiert Dankbarkeit und Großzügigkeit. Niemand erhält mehr oder weniger als die anderen.
Werte im Cem
Der Cem vermittelt Werte, die für das Alevitentum grundlegend sind. Dazu gehören Gleichheit, Teilen, gegenseitige Versöhnung, Selbstkontrolle, moralische Verantwortung, Liebe und Respekt. Die Verbindung zu Gott entsteht aus einer inneren Haltung und nicht aus äußeren Formen. Der Mensch nähert sich Gott durch gutes Verhalten, Anstand, Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft. Der Cem ist der Ort, an dem diese Werte gelebt und gestärkt werden.
Die Bedeutung des Cems im Alevitentum
Für Aleviten ist der Cem ein Raum, in dem Glaube sichtbar wird. Er vereint spirituelle Tiefe mit Gemeinschaft, Kommunikation und Frieden. Aleviten sehen im Cem nicht nur eine religiöse Handlung, sondern eine Lebensweise, die Menschlichkeit, Verantwortung und innere Reife fördert.
Welche Positionen und Inhalte werden im Cem vermittelt? Welche Dienste gibt es und was ist die Besonderheit an den Posten? Das erklären wir euch im kommenden Abschnitt.
Allgemein: Die 12 Dienste
1. Pir (Ana / Baba / Dede)
Der Pir führt den Cem.
Er besitzt tiefes Wissen über den alevitischen Glauben und lebt dessen Werte in seinem eigenen Leben.
Traditionell stammt der Pir aus einer Familie, die seit Generationen im Dienst des Alevitentums steht und auf diesem Weg erzogen wurde.
2. Rehber
Der Rehber sitzt neben dem Pir und unterstützt ihn während des Cems.
Er kennt die Werte des Alevitentums sehr gut.
Er sorgt für die Kommunikation zwischen Pir und Canlar und hilft allen Teilnehmenden bei Fragen, Abläufen und Bitten.
3. Zakir
Der Zakir spielt die Bağlama und singt Nefes, Deyiş, Duaz-ı İmam und Miraçlamalar.
Er begleitet die Semah-Tänzer*innen und trägt die spirituelle Atmosphäre des Cems.
Die gesungenen Nefes symbolisieren die Segnung der Luft.
4. Gözcü
Der Gözcü ist für die Ordnung im Cem verantwortlich.
Er übermittelt die Anliegen der Canlar über den Rehber an den Pir.
Er hält einen Stab, an dessen Ende meist eine Rose befestigt ist — ein symbolisches Zeichen des Respekts und der Wachsamkeit.
5. Kapıcı
Der Kapıcı sorgt für Sicherheit am Eingang und außerhalb des Cem-Raumes.
Er kündigt den Canlar an, wann und wo der Cem stattfinden wird, und sorgt dafür, dass der Ablauf ungestört bleibt.
6. Süpürgeci
Der Süpürgeci tritt zu bestimmten Momenten in die Mitte und fegt symbolisch den Boden.
Dies steht für das Reinigen des Cem-Meydans von allem Schlechten.
Der Besen symbolisiert auch die Segnung der Erde.
7. İbrikçi
Der İbrikçi besteht aus einem Mann mit Schale und Krug und einer Frau (Baci) mit einem Handtuch.
Sie gießen einander dreimal Wasser über die Hände und sprechen Segensformeln.
Danach waschen und trocknen sie symbolisch die Hände der Canlar, beginnend beim Pir.
Dieser Dienst symbolisiert die Reinigung von Herz, Körper, Nahrung und Kleidung.
Auch das Wasser wird durch dieses Ritual gesegnet.
8. Postçu
Der Postçu bereitet den Cem-Meydan vor: Ausstattung, Ordnung, Sauberkeit und Organisation.
Er legt den „Post“, der die spirituelle Präsenz von Hacı Bektaş-ı Veli und anderen großen Piren symbolisiert.
Canlar, die befragt werden, Musahip werden oder in die Gemeinschaft eintreten, stehen auf diesem Post.
9. Çerağcı / Delilci
Der Çerağcı entzündet das Licht (Çerağ).
Das Anzünden des Lichts symbolisiert:
- die Erleuchtung des Herzens,
- den Übergang von Dunkelheit zu Wissen,
- das Überwinden von Unwissenheit.
Licht und Feuer werden durch diesen Dienst gesegnet.
Hacı Bektaş-ı Veli sagte einst:
„Die Dunkelheit der Materie wird mit dem Licht des Verstandes erhellt;
die Dunkelheit der Unwissenheit mit dem Licht der Weisheit;
die Dunkelheit der Seele mit dem Licht der Liebe.“
10. Sakacı
Der Sakacı erinnert an Şah Hüseyin und alle Unterdrückten der Welt.
Nach einem Gebet des Pir erhält jeder Can einen Tropfen Wasser — als Gedenken, als Zeichen der Solidarität und als spiritueller Segen.
11. Semahçı
Der Semahçı führt gemeinsam mit Frauen und Männern den Semah auf.
Jeder Can darf daran teilnehmen.
Der Semah symbolisiert die Einheit und Harmonie des Universums sowie die spirituelle Hingabe an Hak.
12. Lokmacı
Der Lokmacı ist für die Speisen verantwortlich.
Er sammelt alle von den Canlar mitgebrachten Lokma und Speisen und teilt sie am Ende des Cems gerecht und gleichmäßig an alle aus.
Dieser Dienst symbolisiert die Gleichheit, das gemeinschaftliche Teilen und Solidaritätsverständnis.
Im Alevitentum bilden die Vier Tore und Vierzig Stufen (Dört Kapı Kırk Makam) das zentrale spirituelle Fundament. Sie beschreiben den Weg eines Menschen hin zu moralischer Reife, innerer Erkenntnis und der Annäherung an die göttliche Wahrheit. Im Cem, dem wichtigsten religiösen Zusammenkommen der Aleviten, werden diese Tore nicht nur erwähnt, sondern mit jeder Handlung gelebt und erfahrbar gemacht.
Allgemein: Dört Kapı Kırk Makam
Şeriat – Das Tor der Grundprinzipien
Dieses Tor umfasst elementare Werte wie Reinheit, Respekt, Aufrichtigkeit und ethisches Verhalten. Im Cem wird dies sichtbar, wenn die Teilnehmenden sich vorbereiten, Niyaz zeigen und mit einer respektvollen inneren Haltung eintreten. Şeriat bildet die Grundlage für alle weiteren Schritte auf dem Weg.
Tarikat – Das Tor des gemeinsamen Weges
Tarikat steht für die bewusste Entscheidung, Teil der alevitischen Gemeinschaft zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Im Cem zeigt sich dieses Tor durch die Zwölf Dienste, die den Ablauf des Cems tragen. Jede Person, die einen Dienst erfüllt, dient nicht nur der Gemeinschaft, sondern wächst auch persönlich und spirituell.
Marifet – Das Tor des Wissens und der Erkenntnis
Marifet beschreibt das Streben nach Wissen, innerer Reife und Weisheit. Im Cem wird dies sichtbar durch die religiösen Gedichte (deyiş), durch die Musik der Zakirinnen und Zakire sowie durch das Nachdenken über moralische und spirituelle Inhalte. Marifet ist das Tor, in dem aus Wissen Verständnis und aus Verständnis Weisheit entsteht.
Hakikat – Das Tor der Wahrheit
Hakikat steht für die höchste Stufe des spirituellen Weges. Hier geht es um die innere Wahrheit, um die Verbundenheit mit Hak und um vollkommene Menschlichkeit. Im Cem zeigt sich dieses Tor besonders im Semah, einem rituellen Gebet, das die Harmonie zwischen Mensch, Schöpfung und göttlicher Wahrheit ausdrückt. Der Semah ist ein Ausdruck innerer Hingabe und spiritueller Einheit.

