Das Alevitentum lebt von seinen Erzählungen, Gedichten, Büchern, Aufzeichnungen und vor allem von seiner Musik. Durch Deyiş (auch „Nefes“ genannt, sind poetische Lieder über die Liebe zu Gott sowie die Verehrung von Hz. Ali und der Ehl-i Beyt), werden die Geschichten und Erfahrungen unserer Vorfahren weitergegeben und unsere Tradition bewahrt. Einige bedeutende Persönlichkeiten, die dazu beigetragen haben, die alevitische Geschichte lebendig zu halten, möchten wir euch vorstellen.

Hünkar Haci Bektas Veli

Hacı Bektaş Veli lebte im 13. Jahrhundert in Anatolien. Er war ein wichtiger Lehrer des anatolischen Alevitentums und viele Menschen sahen in ihm einen weisen und gerechten Denker . Seine Familie kam ursprünglich aus dem heutigen Iran. Schon als junger Mensch begegnete er der islamischen Mystik und begann, sich intensiv mit Glauben und Wissen zu beschäftigen.

Was machte ihn besonders?

Hacı Bektaş Veli sammelte in Anatolien viele Schülerinnen und Schüler um sich. In einem Kloster lehrte er seine Gedanken und verbreitete seine Sicht auf Religion und Menschlichkeit. Seine Vorstellungen waren für die damalige Zeit ungewöhnlich und offen. Wandernde Prediger trugen seine Lehre in die Dörfer und Städte.

Wofür stand er?

Hacı Bektaş Veli glaubte fest daran, dass alle Menschen gleich wertvoll sind. Er setzte sich dafür ein, dass Frauen die gleichen Rechte haben und an allen religiösen Treffen teilnehmen dürfen. Für ihn waren Respekt, Wissen und Nächstenliebe besonders wichtig.

Er sagte, dass nicht die Worte zählen, sondern das, was man tatsächlich tut. Er betonte, dass man mit dem Herzen beten sollte und dass der Mensch das wichtigste Buch ist, das man lesen kann.

Seine Persönlichkeit

Hacı Bektaş Veli war ein offener, friedlicher und mutiger Mensch. Er setzte sich für Gerechtigkeit und Bildung ein und wollte, dass Menschen einander als Geschwister sehen. Seine Lehre gab vielen armen und unterdrückten Menschen Hoffnung und Orientierung.

“Okunacak en büyük kitap insandır.”

“Das wichtigste Buch zum Lesen ist der Mensch.”

Pir Sultan Abdal

Pir Sultan Abdal lebte im 16. Jahrhundert in Banaz bei Sivas. Er war ein Dichter und ein Gelehrter, der in der alevitischen Geschichte eine sehr bedeutende Rolle spielt. Er wurde besonders deshalb bekannt, weil er mit seinen Gedichten den Menschen Mut machte und sich für Gerechtigkeit einsetzte. In Banaz wird ihm zu Ehren jedes Jahr ein Kulturfestival veranstaltet. Seine Gedichte trug er in der türkischen Volkssprache vor, damit sie jeder verstehen konnte. In vielen Berichten wird erwähnt, dass er eigentlich Şah Haydar hieß und seine Familie früher aus dem Jemen nach Anatolien gekommen war. Ganz sicher weiß man das nicht, denn manche Namen hatten im Alevitentum auch eine tiefere, innere Bedeutung.

Was Pir Sultan Abdal auszeichnete

Pir Sultan Abdal sprach offen über das Leid der Menschen. Er kritisierte Unrecht und forderte die Bevölkerung dazu auf, nicht zu schweigen, wenn andere leiden. Seine klare Sprache und seine innere Stärke machten ihn zu einer wichtigen Stimme. Viele Menschen fanden in seinen Gedichten Trost und Hoffnung. Seine Worte zeigten, dass er die Bedürfnisse und Sorgen der einfachen Bevölkerung gut verstand. Er blieb seinen Überzeugungen treu und setzte sich für ein gerechteres Leben ein.

Historischer Hintergrund

Zu seiner Zeit war Anatolien von vielen Konflikten geprägt. Verschiedene religiöse Gruppen und Volksgemeinschaften lebten dort und hatten oft Probleme miteinander. Die politische Lage war angespannt und das Leben vieler Menschen wurde durch Unterdrückung und soziale Ungleichheiten belastet. Die Osmanen bauten ihr Reich aus und führten viele Kriege, die viel Geld kosteten. Daher wurden die Steuern immer weiter erhöht, was für die Bevölkerung eine große Last war. Besonders die Aleviten litten stark, weil man sie häufig als Gegner des Staates betrachtete. Viele Aufstände wurden gewaltsam beendet und die Menschen verloren dabei ihr Leben. Auch der Krieg zwischen den Osmanen und dem persischen Schah Ismail veränderte die Lage, da viele Aleviten den Schah unterstützten und nach dem Krieg schwere Verfolgungen erlebten.

Was wir heute von Pir Sultan Abdal lernen können

Pir Sultan Abdal zeigt, dass Mut, Ehrlichkeit und Standhaftigkeit viel bedeuten können. Auch wenn die Welt um ihn herum voller Gewalt und Angst war, hielt er an seinen Werten fest. Er erinnert uns daran, dass man für Gerechtigkeit einstehen kann, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren. Seine Gedichte werden bis heute gelesen, weil sie eine tiefe Hoffnung ausdrücken und zeigen, wie wichtig es ist, an das Gute zu glauben, selbst wenn die Zeiten schwer sind.